Disko⁺: Teilkorpus Queere Lyrik
Aufmerksam Lesende werden gemerkt haben, dass im Diversitätskorpus eine literarische Gattung bisher fehlte. Lyrische Texte kommen gar nicht vor und das wollen wir mit einem neuen Teilkorpus mit queeren lyrischen Texten und solchen, die queerQueer Queer ist sowohl ein eigenständiges Label als auch ein Überbegriff für alle anderen queeren Identitäten. gelesen werden können, ändern. Aber wo sind Gedichte, die auch non-binäre Genderdarstellungen aufgreifen, zu finden? Was sind die Themen und Formen und seit wann gibt es queere Lyrik? Welche konkreten Gedichte wurden in der literaturwissenschaftlichen Forschung bisher queer gelesen? Auf diese Aspekte gehen wir in diesem Blogpost näher ein.
Seit wann gibt es queere Lyrik?
Seit der Antike prägt Lyrik unsere Gesellschaft. Ursprünglich wurden Dichtungen musikalisch begleitet von einer Lyra oder Kithara, einem antiken Saiteninstrument, vorgetragen, worauf auch der Gattungsname zurückgeht. (Lamping, 2011) Doch welchen Stellenwert nahm Lyrik, die wir aus heutiger Perspektive als queer bezeichnen würden, damals ein und inwiefern kann man im historischen Kontext der Antike überhaupt schon von queerer Lyrik sprechen?
Queere Lyrik nimmt innerhalb der literarischen Großform Dichtung eine besondere Rolle ein, denn im Gegensatz zu heteronormativer Lyrik blieb diese lange im Verborgenen:
“While often historically suppressed, queer poetry has existed across cultures and eras, employing coded language as a form of resistance”. (Robinet, 2025)
Um vorherrschende Diskriminierung oder gesellschaftliche Restriktionen zu vermeiden, wurde in queerer Lyrik häufig mit Codierungen und Implikationen gearbeitet, die queeres Begehren verschleierten. (Woods, 1998) Allerdings gibt es auch Ausnahmen, die zeigen, dass queere Gedichte bei weitem keine ‘moderne Erfindung’ sind, sondern non-binäre Genderaspekte seit geraumer Zeit in lyrischen Texten verhandelt werden: Beispielsweise in den fragmentarisch überlieferten Gedichten von Sappho. (Rösler, 2011) Sappho war eine griechische Dichterin des klassischen Altertums, die (zumindest einigen Deutungen zufolge) in ihren lyrischen Texten aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. bereits über ihre Liebe zu Frauen schrieb:
“Eros quält mich von neuem mit Allgewalt,
Mit süssbitterem Zauber, der Wütherich;
Atthis, aber o du bist im Herzen mir
Fremd und kalt; zu Andromeda flatterst du.” (Stasch)
Auch im Gesamtwerk von Theognis von Megara, einem griechischen Schriftsteller aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr., finden sich Gedichte über Beziehungen, in denen das männlich gelesene lyrische Ich die Schönheit eines Knaben anpreist. Auch wenn das auf einen deutlich jüngeren Knaben gerichtete Begehren aus heutiger Perspektive problematisch erscheint, handelt es sich um ein frühes Beispiel der lyrischen Auseinandersetzung mit homoerotischem Begehren.
Trans Lyrik ist kein modernes Phänomen
Auch Trans Lyrik ist kein Phänomen der Neuzeit. Eines der ältesten Gedichte, das diesem Subgenre zugeordnet wird, stammt aus dem 13. Jahrhundert: “Prayer for TransformationPrayer for Transformation In “Prayer for Transformation” wünscht sich das lyrische Ich, als Mädchen anstatt als Junge geboren worden zu sein und sehnt sich nach einem Leben als Frau.” von dem jüdischen Philosophen Kalonymus ben Kalonymus behandelt den Wunsch des lyrischen Ich als Frau geboren worden zu sein und als solche zu leben. Zuvor bezogen sich Darstellungen von Transidentität vor allem auf mythologische Figuren oder Götter, wie z.B. Hermaphroditus in Ovids Metamorphosen. (Moore, 2026) In “Prayer for Transformation” erscheint das lyrische Ich nicht als mythisches Wesen oder Gott, sondern als Mensch:
“Oh, but had the artisan who made me created me instead – a worthy woman.
Today I would be wise and insightful.” (Varady, 2018)
Auch wenn wir bereits seit der Antike lyrische Texte finden, die gleichgeschlechtliche Liebe und non-binäre Genderkonzepte behandeln, ist erst mit dem Aufkommen des 19. Jahrhunderts ein deutlicher Anstieg solcher lyrischer Texte zu bemerken. Autor*innen, die mit Gendernormen brechen, verschaffen sich nun deutlich expliziter Gehör. So finden sich beispielsweise Gedichte von Paul Verlaine und Arthur Rimbaud, (Meyers, 2011) sorgte allerdings zusammen mit einem dramatischen Streit am Ende der Affäre für einen handfesten Literaturskandal (Shaffer, 2013)und soll nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass in vielen lyrischen Texten, etwa durch das Weglassen von Pronomina oder die Arbeit mit Metaphern, Queerness weiterhin verschleiert wurde, um Repressionen zu umgehen.
Heute wird queere Lyrik meistens in Lyrikanthologien veröffentlicht. Dabei fällt auf, dass queere Lyrik fast ausschließlich von offen queeren Autor*innen verfasst wird, häufig intersektional angelegt ist und auch Themen wie Rassismus oder Antisemitismus adressiert. Die Zeit des Versteckens scheint zumindest in diesem Teil des Literaturbetriebs vorbei zu sein; heute setzen sich verschiedene queere Spoken-Word-Künstler*innen mit den Schnittstellen von ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, Sexualität und sozialer Schicht auseinander. Trotzdem ist ein offenes Schreiben queerer Lyrik auch heute noch mit Mut verbunden, da die Autor*innen häufig weiterhin mit Anfeindungen konfrontiert sind.
Ein neues DisKo-Teilkorpus zu queerer Lyrik
Antike Lyrik, die queer gelesen werden kann und die heutige queere Lyrik haben gemeinsam, dass Gedichte damals wie heute ein Mittel der Sichtbarmachung und in einigen Fällen sicherlich auch der Selbstfindung und Selbstermächtigung darstellen. Da es keine Übersicht über historische (queer gelesene) und moderne queere Lyrik gibt, soll unser neues Teilkorpus “Queere Lyrik” Abhilfe schaffen.
Quellenverzeichnis:
Lamping, Dieter (2011). Handbuch Lyrik. Stuttgart: Metzler.
Robinet, Jayrôme C. (2025): Gender and Queer Studies. In: Benthien, Claudia, Keylin, Vadim and Wehmeier, H enrik (Hg.). Poetry in the Digital Age: An Interdisciplinary Handbook, De Gruyter. S. 289–299, hier S. 296. DOI: https://doi.org/10.1515/9783111704548.
Woods, Gregory (1998). A history of gay literature: the male tradition. Yale University Press; Jayrôme C. Robinet (2025): Gender and Queer Studies. In: Benthien, Claudia, Keylin, Vadim and Wehmeier, Henrik (Hg.). Poetry in the Digital Age: An Interdisciplinary Handbook, De Gruyter, 2025. S. 289–299. DOI: https://doi.org/10.1515/9783111704548.
Rösler, Wolfgang (2011). Griechische Lyrik. in: Dieter Lamping (Hg.). Handbuch Lyrik. Stuttgart: Metzler, S. 285–293.
Stasch, Irene: Deutsche Liebeslyrik. URL: http://www.deutsche-liebeslyrik.de/dichterinnen/dichterinnen auslandische sappho.htm (zuletzt aufgerufen 28.04.2026).
Moore, Kenneth R. (2026). The Heroic Tale of Caenis/Caeneus, „… though he was born a woman“: Transphobic Centaurs, Potential Trans Allies and Ovid’s Apparent Obsession with Transmen in the Metamorphoses Book XII. Athens Journal of History, 12(1).
Varady, Aharon N., Nir Krakauer, Steven Greenberg, Kalonymus ben Meir and Isaac Gantwerk Mayer (2018). Prayer for Transformation, from the poem „Even Bohan“ by Rabbi Ķalonymus b. Ķalonymus ben Meir.
URL: https://opensiddur.org/prayers/civic-calendar/international-civil-calendar/transgender-day-of-visibility/prayer-of-kalonymus-from-sefer-even-bohan-1322/ (zuletzt aufgerufen 28.04.2026)
Meyers, Jeffrey (2011). The Savage Experiment: Arthur Rimbaud and Paul Verlaine. In: The Kenyon Review, 33(3), 167–180. URL:http://www.jstor.org/stable/41304666 (zuletzt aufgerufen 28.04.2026).
Shaffer, Andrew (2013). Literary rogues: a scandalous history of wayward authors. New York [u.a.]: Harper Perennial.
Ein Überblick über eine Auswahl zeitgenössischer Dichter*innen findet sich bei Jayrôme C. Robinet (2025): Gender and Queer Studies. In: Benthien, Claudia, Keylin, Vadim and Wehmeier, Henrik (Hg.). Poetry in the Digital Age: An Interdisciplinary Handbook, De Gruyter, S. 289–299.
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