Gendertheorie

“Sich über die Liebe (…) selbst zu lieben”: zur Relevanz des Typus der Liebenden von Simone de Beauvoir

Ein Beitrag von Nina Allaert zur Aktualität von Simone de Beauvoir

“Was stimmt mit mir nicht, dass ich immer noch keinen Freund habe?”

Simone de Beauvoir schrieb 1949 eine Ausführliche Analyse zur Rolle der Frau in der Gesellschaft. Wie relevant ist eine solche Betrachtung heute?
#Literaturwissenschaft #Kultur #lesen #Liebe

“Sag mal, das ist doch nicht mehr normal? Jetzt hat ausgerechnet Sara* auch schon ihren ersten Freund! Ich weiß, es ist falsch, wie ich denke, aber was stimmt mit mir nicht, dass ich immer noch keinen Freund habe und gefühlt alle anderen schon?” Ich sitze in einem Café in Gent meiner Freundin Eline gegenüber und höre zum x-ten Mal zu, wie sehr sie sich darüber schämt, dass sie noch nie eine Beziehung hatte. Kontext: Wir sind beide 19 Jahre alt und befinden uns im ersten Jahr unseres Studiums. Das hier ist fast Routine geworden und die für sie ausbleibende Liebe ist immer wieder Thema. Ich kenne keine einzige Person, die sich so nach dem Geliebtwerden sehnt, wie Eline. Das Bemerkenswerte dabei ist, dass ich aber auch keine einzige Person kenne, der es so an Selbstbewusstsein und Selbstliebe fehlt, wie Eline.

Die Verbindung zwischen diesen beiden Eigenschaften ist eine nicht ganz unproblematische und kommt mir manchmal auch ein wenig herablassend vor, obwohl sich meine Freundin dieser Korrelation durchaus bewusst ist und ihre Denkweise ändern möchte. Die Korrelation erklärt aber Vieles und sie beschäftigt mich seit einigen Jahren. Umso aufgeregter war ich also, als ich bemerkt habe, dass Simone de Beauvoir diese Thematik in ihrem grundlegenden feministischen Werk La deuxième sexe ​(Beauvoir, 1998)​ ausführlich bespricht. In dem Kapitel “Die Liebende” beschreibt de Beauvoir den Typus der liebenden Frau (ein Gender-Stereotyp, das sich auch im m*w-Modell wiederfindet). Eine der Haupterkenntnisse ist, dass die Liebende eine Narzisstin sei, in dem Sinne, dass sie über die Liebe versucht, sich selbst zu lieben.

“Viele Frauen überlassen sich der Liebe erst, wenn sie ihrerseits geliebt werden” – so de Beauvoir

Wie relevant diese Analyse auch heute noch ist, habe ich, neben dem Bezug zu meiner Freundin Eline, auch daran erkannt, dass mir bei der Lektüre des Kapitels immer wieder Bezüge zu anderen Büchern, Podcasts, usw. einfielen. De Beauvoir ​(Beauvoir, 1998)​ bemerkt zum Beispiel: “Viele Frauen überlassen sich der Liebe erst, wenn sie ihrerseits geliebt werden, und manchmal reicht die ihnen bekundete Liebe aus, um sie verliebt zu machen.” In dem populärwissenschaftlichen Buch Die Liebe: und wie sich Leidenschaft erklärt beschreibt Autor Bas Kast ​(Kast, 2004)​ die Arbeit der US-Psychologin Dorothy Tennov, bei der sie in den siebziger Jahren zahlreiche verliebte Menschen befragt hat. Die Tendenz war klar: “Das Begehren, beobachtete die Psychologin, erwacht dann, wenn wir das Gefühl haben, selbst begehrt zu werden.” Auch Autorin Charlotte Roche scheint diese Tendenz zu bestätigen. In ihrem Podcast Paardiologie ​(Roche and Keß-Roche, 2019)​ erzählt sie ihrem Partner: “Ich habe auf jeden Fall so einen Tick, dass mir eventuell Leute, Typen, egal sind, bis ich merke, dass die in mich verliebt sind, und dann bin ich sofort in die verliebt.” Dass das kein persönlicher Tick, sondern ein viel vorkommendes, in der Psychologie längst bekanntes Phänomen ist, wissen heute nicht alle, aber anscheinend hat de Beauvoir das 1949 schon erkannt. De Beauvoirs Beobachtung, dass die Liebenden sich wünschen, von dem Geliebten gesehen zu werden, erinnert außerdem ganz stark an John Bergers Analysen in seiner Fernsehdokumentation Ways of Seeing ​(Berger, 1972)​, die in den Siebzigern gesendet wurde: “Men dream of women. Women dream of themselves being dreamt of. Men look at women; women watch themselves being looked at.” Auch diese Dynamik hat de Beauvoir damals schon erkannt.

“Die Frau fühlt sich durch ihr Lob in einen unbezahlbaren Schatz verwandelt”

Der Kern von de Beauvoirs Analyse bleibt aber, und dies trifft am meisten auf meine Freundin zu: “Endlich ist ihr erlaubt, sich über die Liebe, die sie einflößt, selbst zu lieben”. Was könnte denn schöner sein? Zwei Fliegen mit einer Klappe!  “Die Frau fühlt sich durch ihr Lob in einen unbezahlbaren Schatz verwandelt” – Wer will das denn nicht? Mit diesem letzten Satz zeichnet de Beauvoir ​(Beauvoir, 1998)​ allerdings auch auf, wie sehr Frauen verinnerlicht haben, dass ihr Wert von der Aufmerksamkeit von Männern abhängig ist. Diese Abhängigkeit hat aber etwas Perverses und nicht alle Frauen akzeptieren sie ohne Weiteres. Das zeigen die Protagonistinnen in den Werken der ägyptischen Schriftstellerin Nawal el Saadawi zum Beispiel ganz gut.

In Woman at Point Zero ​(El Saadawi, 2015)​ wird die wahre Lebensgeschichte von Firdaus, einer ägyptischen Frau, deren Lebensweg von ständiger Unterdrückung und Gewalt gekennzeichnet ist, erzählt. In ihrer Suche nach Selbständigkeit arbeitet sie zuerst als Prostituierte, dann aber auch kurz als administrative Mitarbeiterin einer Firma. Eines Abends ruft ein Beamter ihr aus seinem Wagen zu, er könne sie nach Hause fahren. Firdaus macht folgende Analyse:

I looked into his eyes. They clearly said, ‘You’re a poor, miserable employee, unworthy of esteem, running after a bus to catch it. I’ll take you in my car because your female body has aroused me. It is an honour for you to be desired by a respected official like myself. And who knows, maybe some day in the future, I can help you get a raise before the others.’

Der Satz, “Es soll dir eine Ehre sein, von einem verdienten Beamten wie mir begehrt zu werden”, drückt doch genau das aus, was auch de Beauvoir ​(Beauvoir, 1998)​ anspricht, nämlich dass die Frau sich durch das Lob eines Mannes in einen Schatz verwandelt fühlen soll? Das Spannende an den Werken von el Saadawi ist, dass ihre Protagonistinnen sich dieser Art Ungerechtigkeiten immer extrem bewusst sind und alles geben, um Gleichberechtigung für sich zu erkämpfen. Firdaus lehnt das Angebot also schlagfertig ab: “The price of my body is much higher than the price that can be paid for it with a pay rise.”

Vom Lesen ins Handeln

Ich habe daran gezweifelt, Eline Simone de Beauvoirs Kapitel über “Die Liebende” ​(Beauvoir, 1998)​ zu zeigen. Ich bin nämlich der festen Überzeugung, dass es hilft, sich mithilfe von Wissen, das Analysen wie die von de Beauvoir ​(Beauvoir, 1998)​ perfekt vermitteln können, gegen verinnerlichte sexistische Vorstellungen wie “Mein Wert als Frau wird durch die Aufmerksamkeit von Männern definiert” zu wappnen. Wenn man sich mit den Ungerechtigkeiten, die Frauen widerfahren, auseinandersetzt, entsteht eine Wut, die sehr produktiv sein kann. Wie kann es sein, dass diese Annahmen, die seit Jahrtausenden das Leben von Frauen weltweit verderben, immer noch in mir drin sind und mein Leben, meine Denkweise bestimmen? Wenn man die Ungerechtigkeit einmal spürt und mit dem Feingefühl von de Beauvoir analysiert bekommt, möchte man alles, was damit zu tun hat, loswerden.

Der Weg zur Emanzipation bleibt aber trotzdem schwierig. In ihrem autobiografischem Werk Memoire de fille fasst Annie Ernaux ​(Erneaux, 2018)​, französische Schriftstellerin, ihre Gefühle nach der ersten Lektüre von La deuxième Sexe als junge Frau im Jahre 1958 wie folgt zusammen: “D’avoir reçu les clés pour comprendre la honte ne donne pas le pouvoir de l’effacer” – “Den Schlüssel zum Verständnis der Scham erhalten zu haben, gibt einem nicht die Macht, sie zu beseitigen.” Aber irgendwo muss man anfangen, und den Schlüssel zu erhalten, scheint mir ein sehr wichtiger erster Schritt. Vielleicht schicke ich Eline das Kapitel also doch zu.

*Alle Namen aus meinem persönlichen Umfeld wurden pseudonymisiert.

Diesen Artikel zitieren: Nina Allaert: „“Sich über die Liebe (…) selbst zu lieben”: zur Relevanz des Typus der Liebenden von Simone de Beauvoir“. In: m*w, Januar 14, 2020, https://msternchenw.de/“sich-uber-die-liebe-(…)-selbst-zu-lieben”:-zur-relevanz-des-typus-der-liebenden-von-simone-de-beauvoir/.

Referenzen

  1. Beauvoir, S. (1998) Das andere Geschlecht. Reinbek: Rowohlt.
  2. Berger, J. (1972) Ways of Seeing, YouTube. Available at: https://www.youtube.com/watch?v=m1GI8mNU5Sg&feature=youtu.be (Accessed: 13 January 2020).
  3. El Saadawi, N. (2015) Woman at Point Zero. London: ZED.
  4. Erneaux, A. (2018) Memoire de fille. Paris: Folio.
  5. Kast, B. (2004) Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt. Frankfurt am Main: S. Fischer.
  6. Roche, C. and Keß-Roche, M. (2019) Paar Diologie, Spotify. Available at: https://open.spotify.com/episode/5AGX2Z1o5CFIffk69AT6eK (Accessed: 13 January 2020).

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