Gendertheorie

Sind Frauen auch heutzutage noch „das andere Geschlecht“?

Ein Beitrag von Annabelle Lange zu Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ ist Simone de Beauvoirs ​(de Beauvoir, 2008)​ bekanntestes Zitat. Doch Wenige wissen, woher genau dieses Zitat stammt und in welchem Zusammenhang es steht. Noch Weniger wissen, wie aktuell viele von Beauvoirs Thesen immer noch sind, besonders im Hinblick auf aktuelle feministische Bewegungen und im Zeitalter von #metoo. Es ist erschreckend zu sehen, wie modern Beauvoir schon 1949 für Abtreibungen und Verhütungsmöglichkeiten und für die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von Frauen argumentiert ​(de Beauvoir, 2008)​, wenn selbst heute, rund 70 Jahre später Frauen in der privilegierten westlichen Welt noch immer vor ähnlichen Problemen stehen. Noch heute kämpfen viele darum, Beruf und Familie vereinbaren zu können. Nicht alle können sich die Antibabypille leisten. Und Abtreibungen sind zum Teil immer noch in der Gesellschaft stigmatisiert. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass der Paragraf 219a es schwer macht für betroffenen Frauen sich zu informieren und Hilfe und Beratung zu finden. Dieser besteht seit 1933 und stellt Werbung für Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe, auch wenn es Ärzte sind, die informieren wollen, dass sie Abtreibungen anbieten und durchführen.

Malerei von Annabelle Lange

„Sie arbeiten besser und für weniger Lohn.“

Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ ist 1949 erstmals erschienen ​(de Beauvoir, 2008)​ und immer noch ein Grundlagenwerk der feministischen Literatur. Sie beschreibt darin die gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen abhängig von Männern machen bzw. halten. Sie thematisiert die Geschichte der Frauen in Frankreich bis hin zum Wahlrecht und skizziert den Weg der Frauenbewegung in einigen anderen europäischen Ländern. Sie zeigt Erfolge und Niederlagen z.B. im Hinblick auf die Arbeiterbewegung und wie dies auch einen Umschwung für arbeitende Frauen bedeutete, die sich immer mehr Rechte erkämpfen konnten. Außerdem beschäftigt sie sich mit den verschiedenen Rollen der Frau in unterschiedlichen Lebensphasen, wie zum Beispiel der Rolle der Mutter, der Liebenden oder der älteren Frau. Auch die weibliche Sexualität ist ein großes Thema bei ihr.

Ich möchte meinen Fokus hier einmal auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die damit verbundene Lohnungleichheit legen. Zu diesem Problem nimmt Beauvoir immer wieder Stellung, aber dies ist nicht nur damals, sondern auch noch heute ein sehr relevantes Problem. „Sie arbeiten besser und für weniger Lohn.“, so zitiert sie einen Unternehmer ​(de Beauvoir, 2008)​. Die Frauen damals durften zwar arbeiten, aber bekamen einen wesentlich geringeren Lohn, wurden insgesamt viel mehr ausgebeutet als männliche Arbeiter und waren immer zusätzlich auf die Unterstützung ihres Ehemanns angewiesen. Sie konnten nur ein geringes Gehalt zum Haushalt beisteuern aber nicht eigenständig ihren Lebensunterhalt verdienen. Dies änderte sich mit der Frauenbewegung nur langsam.

Frauen haben eine sehr hohe Arbeitsbelastung im Haushalt und sind oft sowohl Mutter als auch Hausfrau. Durch diese Doppelbelastung konnten sie insbesondere früher nicht arbeiten gehen. Beauvoir merkt an, dass „die Aufgaben der Ehe die Frau nach wie vor viel stärker belasten als den Mann“. „Die Zwänge der Mutterschaft“ ​(de Beauvoir, 2008)​ wurden zwar durch Verhütungsmaßnahmen gelockert, aber es gab zu wenig Aufklärung und Frauen riskierten ihre Gesundheit für verbotene Abtreibungen.

Zusammengefasst steht für sie fest: „Daraus folgt, daß die Frau ihr Familienleben und ihre Rolle als Berufstätige schwerer vereinbaren kann als der Mann.“ ​(de Beauvoir, 2008)​ und „Ihr Wunsch wäre, daß Vereinbaren von Familienleben und Berufstätigkeit keine anstrengenden Verrenkungen von ihr verlangen würde.“ ​(de Beauvoir, 2008)​ Dies sind sehr aktuelle und zeitgemäße Gedanken und Problemstellungen.

Frauen als „das andere Geschlecht“

Beauvoirs Ansatz steht in philosophischer und soziologischer Traditionen. Sie gibt einen Überblick über die Kulturgeschichte der Frauen und welche Entwicklung dort stattgefunden hat. Außerdem schildert sie, wie das Zusammenleben zwischen den Geschlechtern in der Gesellschaft stattfindet und übt Kritik daran. Frauen seien „das andere Geschlecht“, dem Mann untergeordnet und in ihre Geschlechterrolle gezwängt worden. Sie liefert eine tiefgründige Analyse von Frauenrollen in der Gesellschaft und welche „Phasen“ Frauen von der Kindheit bis zum Alter durchlaufen und wie sie wahrgenommen werden. Ihr Buch erschien in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges, als ein großer gesellschaftlicher Umbruch stattfand. Zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland wurde die Frauenbewegung wieder um Jahrzehnte zurückgeworfen und als Protest brach die zweite Phase der Frauenbewegung an, worauf Beauvoirs Werk einen großen Einfluss ausübte.

Fazit: Längst überholte Theorie oder immer noch aktuelles Thema?

Beauvoirs Denkweise ist in vielen Punkten sehr modern und aktuell. Wenn sie zum Beispiel über Abtreibungen, die immer noch in vielen Ländern verboten sind und unter Strafe stehen und über die schlechte bezahlte Arbeit von Frauen spricht. Aber auch wenn es darum geht, dass in der Geschichtsschreibung Frauen eher untergehen und kaum beachtet oder benannt werden. Frauen hatten früher weniger Zugang zu Bildung, aber wenn sie trotzdem etwas erreicht haben, wurden sie seltener ausgezeichnet oder in der historischen Forschung außen vorgelassen. Beauvoirs Gender-Theorie wirkt erschreckend aktuell dafür, dass sie fast 70 Jahre alt ist. Außerdem geht sie sehr stark auf die weibliche Sexualität ein, was früher viel mehr ein Tabu-Thema war und teilweise immer noch eins ist.

Meiner Meinung nach sollte Beauvoirs Gender-Theorie viel häufiger gelesen werden, da sie einen guten Überblick über die Geschichte der Frau gibt und womit sie zu kämpfen hatte und immer noch hat. Meiner Meinung nach kann die Gesellschaft noch viel von ihrem Ansatz lernen und sehen, wo immer noch Probleme liegen. Am aktuellsten ist wahrscheinlich die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der schlechteren Bezahlung. Es ist traurig, dass Frauen immer noch für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden und schlechtere Jobchancen haben („Sie könnte ja in einem Jahr schwanger werden wollen.“).

Außerdem erfahren arbeitende Mütter, die früh nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten gehen wollen und das Kind in eine Kindertagesstätte schicken, viel Kritik in der Gesellschaft und werden oft als „Rabenmütter“ wahrgenommen. Die oben benannte Doppelbelastung bleibt bestehen. Die Gesellschaft wirft Frauen immer noch viele Steine in den Weg. Wir befinden uns vielleicht nicht mehr im Jahre 1949 aber einige von Beauvoir angesprochenen Themen haben noch längst nicht ihren Wunschzustand erreicht, in dem die Frau in allen Bereichen vollständig unabhängig und gleichberechtigt sein kann.

Diesen Artikel zitieren: Annabelle Lange: „Sind Frauen auch heutzutage noch „das andere Geschlecht“?“. In: m*w, Januar 14, 2020, https://msternchenw.de/sind-frauen-auch-heutzutage-noch-„das-andere-geschlecht“?/.

Referenzen

  1. de Beauvoir, S. (2008) Das andere Geschlecht. Reinbek: Rowohlt.

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