A.W. Schlegel
Emotionsanalyse,  Methoden der Digital Humanities

Tage im Leben von …

Emotionen bestimmen Denken, Handeln und auch Schreiben. Aber wie beschrieben Frauen ihre Emotionen und wie fassten Männer sie in Worte? Noch – oder gerade heute – gilt: Wer es ernst meint, tippt keine E-Mail, sondern greift zu Stift und Papier und schreibt einen Brief. Viele Autor*innen waren und sind emsige Briefeschreiber*innen; Hochkonjunktur hatte die Briefkommunikation v.a. im 18. Jhd.​*​ Davon zeugen die zahlreichen sowie umfassenden Editionen der Briefachlässe, die v. a. für die großen Namen der Literaturgeschichte auch digital zur Verfügung stehen, und sich für digitale Textanalysen ebenso eignen wie Prosa- oder Dramentexte.
Persönliche Briefe erschaffen subjektive und gefühlsbetonte Textwelten, die keineswegs emotionslos oder rein deskriptiv sind. Der Akt des Schreibens stellt einen intimen Akt dar, der an den geschützten Innenraum der schreibenden Person gebunden ist und durch die reziproke Natur der meisten Korrespondenzen einen imaginären Raum zwischen Adressat*in und Absender*in eröffnet (vgl. dazu Bidwell-Steiner 2020: 145), der seinerseits einen Container für Emotionen bietet. Während die Gattung Brief sich aus methodischer Perspektive also eignet, um im kleinen Rahmen Emotionsanalysen durchzuführen (wobei der Text im Mittelpunkt steht), lassen sich Briefe gleichzeitig als biographische Hilfsmittel einsetzten, um die – ok, zugegeben – eher meso-professionelle Neugierde auf etwaige Marotten, Dispute oder historische Lebensumstände, die die Briefschreiber*innen umgaben, zu stillen.​†​ Darüber hinaus eignen sich gerade digitale Briefeditionen als Grundlage für digitale Formen der Textanalyse, um hierbei über digitale literaturwissenschaftliche Verfahren nachzudenken, die der inhaltlichen Erschließung der immensen Matierialfülle und der stetig steigenden Anzahl an Retrodigitalisaten den Weg bereiten.
Unter “Tage im Leben von …” sammeln wir kleine Fallstudien, die mikroskopisch Einblicke in das Leben bekannter und weniger bekannter Schriftsteller*innen gewähren. Im Fokus der Analyse steht –  in alter m*w-Manier – natürlich die Interdependenz zwischen Emotionen und Genderrollen. Die für ursprünglich für die Annotation emotionstragender Textstrukturen in novellistischen Texten des 19. Jahrhunderts entwickelten Annotationsguidelines werden nun für die Analyse eines neuen Genres – den Brief – herangezogen. Die von Männern sowie Frauen verfassten Briefe, bezogen aus unterschiedlichen digitalen Briefeditionen (also losgelöst von einzelnen Sammelschwerpunkten), stammen aus einem möglichst eng zusammenhängenden Zeitrahmen, sind mindestens auf ein und dieselbe Woche in ein und demselben Jahr datiert und werden hinsichtlich enthaltener Emotionen untersucht (Annotation mit CATMA). Mit steigender Anzahl der Analysen können Gemeinsamkeiten und Abweichungen der unterschiedlichen Emotionsbegriffe herausgearbeitet werden. Die Ergebnisse sind angesichts der kleinen Stichprobe natürlich nicht repräsentativ, sondern stellen einen möglichen Anwendungsfall der Auseinandersetzung mit digitalen Briefeditionen dar. Zu Tode betrübt oder himmelhoch jauchzend? Männliche emotionslosere public voice und weibliche emotionale private voice ? Wollen wir doch mal sehen, wie die Stimmung im 18., 19. oder 20. Jahrhundert so war und auf welche Art sich “damals” schriftsprachlich Luft gemacht, geliebt, gehasst oder gefreut wurde.

#1
Tage im Leben von August Wilhelm von Schlegel

Abb. 1: August Wilhelm von Schlegel (1767-1845)

“ich habe hier wieder einen etwas poëtisirenden Kitzel gekriegt, und könnte ich nur mehr für mich seyn, so käme wohl manches zu Stande.” (Z0 Schlegel an Bürger)

Das Briefwerk des Frühromantiker, Kritiker, Übersetzer, Philologen und älteren Bruder des bekannteren Friedrich von Schlegel wurde an der Sächsischen Landesbibliothek und der Philipps-Universität Marburg in einer anschaulich aufbereiteten digitalen Edition erfasst. Die intuitiv erschließbare Edition beinhaltet u. a. die circa 5.000 Korrespondenzen August Wilhelm Schlegels in unterschiedlichen Formaten, die jeweils mit weiteren Informationen angereichert sind. Zwei Briefe – an Christian Gottlob Heyne und an Gottfried August Bürger – aus einer Woche im Sommer 1791 haben wir uns genauer angeschaut.

Dieser Beitrag beinhaltet eine Klassifizierung der im Brief enthaltenen Basisemotionen, daraus abgeleitete Aussagen über die vorherrschende Stimmungslage, (ausbaufähige) Ausführungen über die Art und Weise der sprachlichen Gestaltung der Emotionen, Gedanken über die korrekte Bezeichnung bzw. Typologisierung von Emotionen in Briefen und deren Darstellbarkeit.

Abb. 2: Faksimile des Briefes von Schlegel an Heyne und Annotation des Briefes mit CATMA

“Eine Sache, die ich hier bey aller Zufriedenheit mit meiner Lage sehr vermisse, ist litterarischer Umgang.” (Z1: Schlegel an Heyne)

Der Blick auf die Gesamtverteilung der Annotationen zeigt: Der ältere Schlegel-Bruder war zumindest an diesen beiden Tagen im August 1791 bester Laune (und gar nicht so zornig wie ich ihn im Rahmen einer Arbeit über Wielands Auseinandersetzungen mit den Schlegels – von Wieland in einem Brief an Böttiger als “Schlegeleien” betitelt –  wahrgenommen habe). Neben wenigen negativen Emotionen, wozu auch der Kummer über einen Mangel an literarischem Umgang zählt (Z1), finden sich vor allem Textpassagen, die auf positive Basisemotionen und ein harmonisches Umfeld verweisen. In dem Brief an Heyne werden Dankbarkeit über die freundschaftliche Korrespondenz, Freude über die Lebensumstände eines gemeinsamen Bekannten, Interesse an sprachwissenschaftlichen Fragestellungen, Verwunderung über die “hiesige theologische Welt” und Ratlosigkeit in Bezug auf die politischen Entwicklungen zum Ausdruck gebracht.

Neben einer zu Beginn des Briefes implizit thematisierten (also nicht thematisch benannten, sondern umschriebenen) Verärgerung über das schlechte Sortiment eines Buchladens (Wer kennt es nicht?) stehen Textpassagen, die in informierender Funktion eher deskriptiv und emotionslos über politisch motivierte Ereignisse berichten. Die emotionalen Abschiedsformel (“mit wahrer Ehrerbietung und unbegränzter Hochachtung”, Ihr “gehorsamer Diener”) verdeutlichen eine dem Korrespondenzpartner entgegengebrachte und umschriebene Zuneigung sowie großes Interesse am Leben des Anderen (“Ich wünsche und hoffe von ihrem fortdauernden Wohlseyn und dem Wohlseyn Ihres Hauses von Zeit zu Zeit zu hören,”). Mehr noch: Schlegels Verabschiedung wirkt beinahe unterwürfig, Heyne erscheint als geschätzter und verehrter Mentor.

Anders als im oben angeführten Zitat (Z1: “Zufriedenheit mit meiner Lage”), in eingestreuten Dankbarkeitsbekundungen (“Ich danke recht sehr”) und im Falle der expliziten Thematisierung von Freude (“freue mich über Herrn Schmith’s glückliche Überkunft”) werden Emotionen in zahlreichen Fällen implizit vermittelt. Der Konjunktivbildungen “käme” und “könnte” (Z0) im oberen Zitat weisen bspw. auf Bedauern (Form der TRAUER) hin, das der Briefschreiber angesichts des Mangels an Me-Time empfindet. Hinter der Frage “Was die Parteyen nun weiter  thun werden, weiß ich nicht” verbirgt sich Ratlosigkeit oder – nur unter Berücksichtigung des Kontextes zu ermittelnde – Sorge über die politischen Entwicklungen in Amsterdam (hier hielt sich A.W. Schlegel zum Zeitpunkt des Schreibens auf). Dieser Befund passt zu den Analyseergebnissen der Novellen aus dem Deutschen Novellenschatz (s. Blogbeitrag “1. Analyseergebnisse: Emotionen und Gender im Deutschen Novellenschatz”) und zu der Tatsache, dass Emotionen in literarischen Texten vor allem implizit vermittelt werden oder als Präsentation enthalten sind (vgl. Winko 2003). Der Brief, in seiner Rolle als Teil des Gesamtwerks, kann durchaus literarische Momente und Fiktionailiserungstendenzen aufweisen (vgl. Joost 2013: 12 f.). Diese Tendenzen werden auch durch die implizite Präsentation von Emotionen verstärkt, die in Briefen eben nicht einfach benannt, sondern kreativ umschrieben werden.

“Der Herr tuth seine milde Hand auf und speist die jungen Raben die ihn anrufen. Sieh hier, junger Rabe, (Ihr habt mich auch einmal junger Aar genannt) eine Anzahl von Gedichten für deinen Musenallmanach, die, wie ich nicht zweifle, dir sehr willkommen seyn werden.”  (Z2: Schlegel an Bürger)

Zu dieser These passt Schlegels sprachbewusste und erzählerisch aufgesetzte Eröffnung in dem Brief an Gottfried August Bürger, in der auf mitgeschickte aus dem Spanischen übersetze Romanzen verweist (Z2). Die Information über den Anhang des Briefes wird hier nicht emotionslos dargeboten, sondern in beinahe literarischer Weise gestaltet und an eine religiöse Vorstellungswelt gebunden. Zugegeben … bei “Aar” und “junger Rabe” handelt es sich eher um seltsame Spitznamen (sie könnten im heutigen Gebrauch zumindest für Verwirrung sorgen), die im Brief als Beinamen aufgegriffen werden. Sie implizieren eine enge, persönliche Verbindung und bringen implizit freundschaftliche Zuneigung (LIEBE/Zuneigung; LIEBE hier als Basisemotion und Zuneigung als dazugehörige Tagkategorie; mehr zum Tagset zur Emotionsanalyse im Beitrag “Emotionsinformationen analysieren: 1. Forschungsüberblick und Definitionen”) zum Ausdruck. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Verfasser und Empfänger weniger an einem kulturellen Kode (Aar war auch im 19. Jhd. kein besonders gängiger Spitzname, wie zumindest der kurze Blick ins DWDS zeigt) als an einem privaten Kode partizipieren. (Kulturelle) Kodes, die in literarischen Texten in vielfältiger Art und Weise zu finden sind, spielen im textbasierten Interaktionsprozess eine wichtige Rolle. Durch das Zurückgreifen auf einen geteilten Kode – als Relation und geteiltes Verständnis von einer Sache – erschließen Leser*innen und Autor*innen die emotionale und kognitive Bedeutung eines Textes. Die Verwendung von Kodes im Text veranlassen Leser*innen dazu, ein Textsegment auf typische Arten und Weisen zu verarbeiten (vgl. Winko 2003: 111). Das bedeutet: Ohne gemeinsame Kodes, keine funktionierende Kommunikation. Die Vergabe eines Spitznamen legt nahe, die Textpassage als Form der Zuneigung aufzufassen. Das weiß ich als Leserin, weil gutgemeinte Necknamen auch heute noch als humorvolle, freundschaftliche Ersatznamen vergeben werden. Briefsender und -empfänger sind sich dessen bewusst; die emotional ausgerichtete Kommunikation funktioniert in diesem Fall ohne die Emotion explizit zu thematisieren über das geteilte Wissen über den gemeinsamen Spitznamen. Deutlich wird an dieser Textpassage außerdem, dass sich Kodes und emotive Wortschätze historisch verschieben. Die Bezeichnung als Aar sorgt bei mir für Erheiterung und Verwunderung, weil sie weder in meinem Konzept von Kose- oder Spitznamen noch in meinem Emotionswortschatz vorkommt. Im 18. Jhd. sah das sicherlich anders aus, die individuellen Gedankenwelten entstanden in einem anderen historischen Kontext.

“so ein Brief ist euch eine kleine Mühe, und für mich, da ich so ganz von allen ehemaligen Bekanntschaften isoliert bin, eine große Herrlichkeit.” (Z3: Schlegel an Bürger)

Der Brief an Bürger verzichtet auf die Berichterstattung über politische Themen und fällt insgesamt emotionaler aus als der Brief an Heyne. Bei den zum Ausdruck gebrachten Emotionen handelt es sich v. a. um Emotionen (Vertrauen, Hoffnung, Bedauern und Besorgnis), die sich auf konkrete, in der Alltagswelt des Schreibers stattgefunde und als positiv bewertete Erlebnisse (Lust am Briefeschreiben, Bedauern über Zeitmangel und Vergnügen am Dichten) beziehen. Aus euphorischen Formulierungen wie “große Herrlichkeit” spricht Freude und Dankbarkeit, die hier ebenfalls nicht explizit ausformuliert wird, sondern implizit thematisiert wird.

“Und wie stehts in Ansehung der Akademie? – Habt ihr schon von Meyer eine Sendung für dem Allmanach bekommen, und sonst hübsche Sachen? – Seht ihr die Berlepschen? Und ist Göthe wirklich auf Ihrem Landgute?” (Z4: Schlegel an Bürger)

Ein gesteigertes Interesse gilt Ereignissen in der Alltagswelt des Anderen wie dem künstlerischen Schaffen Bürgers und seinen sozialen Kontakten. Interesse stellt eine Art emotionelen Problemfall dar, da nicht klar ist, ob sie tatsächlich als Emotion klassifiziert werden sollte. Gleiches gilt für Erstaunen und Überraschung. In beiden Fällen kann nicht unmittelbar eindeutig festgelegt werden, ob es sich um positive oder negative Erlebniskategorien handelt; nur kontextsensitiv lässt sich feststellen, ob eine nicht bestätigte Zukunftserwartung oder ein nicht vorstellungsgemäß abgelaufenes Realitätsereignis positiv oder negativ bewertet wird (vgl. Schwarz-Friesel 2007: 68). Vor allem der vermutete Besuch Goethes scheint Schlegel zu erstaunen, die Verstärkung der Bedeutung wird alleine durch das Adjektiv “wirklich” herbeigeführt (Z4). Ob den Briefschreiber die Anwesenheit erfreut oder verärgert, lässt sich allein aus dem Brief nicht erschließen. Auch wenn nicht klar ist, welche Komponente überwiegt, wird hier eine (implizit vermittelte) Gefühlsregung deutlich, die sich als emotionale Reaktion positiver oder negativer Qualität lesen lässt.

“das Briefschreiben machʼ ich zu einem meiner Hauptgeschäfte, ob ich  gleich so wenig Zeit dafür übrig behalte, und meine Sendung zeigt, daß ich euch nicht vergesse.” (Z5: Schlegel an Bürger)

Darüber hinaus wird die Zuneigung für den Briefempfänger deutlich, dem Schlegel seine knappe Zeit schenkt (Z5). In beiden Briefen werden die Emotionen eher mit gemäßigter Intensität und unter Verzicht auf erregte Gefühlsausbrüche zum Ausdruck gebracht. Die Verabschiedung fällt deutlich pragmatischer aus („Gott befohlen und nächstens mehr.“). Anders als in dem Brief an Bürger ließe sich die Organisationsstruktur als flache Hierarchie beschreiben. Diesen Eindruck bestärkt die näckische Bezeichnung als Aar.

Welche Aspekte nehme ich aus der kleinen Analyse mit?

Die Briefe sind emotional aufgeladen, der Verfasser greift überwiegend auf ein positives Wertungssystem zurück und die positiven Basisemotionen überwiegen. Beide Briefekorrespondenzen fallen in die Kategorie des schriftsprachlichen Austauschs mit intellektuellen Partnern. Inhaltlich wird in beiden Briefen die berufliche Welt des Schriftsteller Schlegels betont. Besonders in dem Brief an Heyne wird die Vorbildfunktion des Empfängers – nicht zuletzt durch die ehrfurchtsvolle Abschiedsformel – deutlich. Kreative Beinamen, einzelne Lexeme, literarische Elemente, implizite Emotionsmanifestationen und vereinzelte deskriptive Passagen bestimmen die Textwelt im Brief. Emotionen werden in einigen Fällen explizit thematisiert. Genau wie in literarischen Texten ist das aber eher selten der Fall. Auch wenn die Briefe dem Informationsaustausch dienen, beinhaltet die Korrespondenzen nicht nur informative und emotionsarme Passagen, sondern diverse Formen umschriebener Emotionen, die den Status des Briefs als Teil des literarischen Gesamtwerks hervorheben. In den kommenden Analysen gilt es diesen Befund abzugleichen und in die Unterscheidung zwischen Thematisierung und Präsentation strenger zu berücksichtigen.

Auf wen oder was richten sich die Emotionen und wie kann ich diese Relationen darstellen?

Diese Frage taucht spätestens dann vor dem inneren Auge auf, wenn man versucht, herausgefilterte Emotionen in eine Ordnung zu bringen, die nicht auf die binäre Einteilung (positive/negativ) beschränkt bleibt und darüber hinaus Emotionen nicht ausschließlich in Realtion zu Gender betrachten möchte. Während sich die manuelle Annotation eignet, um die Häufigkeit unterschiedlicher Emotionstypen bspw. in Diagrammen anschaulich darzustellen oder die Verteilung emotionstragender Textelemente innerhalb eines Texte als Verteilungsgraph zu visualisieren, wird es bei der Visualisierung emotionaler Relationen über die Grenze des Einzeltextes hinaus (bspw. bei epochen- oder gattungstypologischen Betrachtungen) schon etwas schwieriger. Aber mal von Anfang an! Ausgangspunkt dieses Gedankens war die Feststellung, dass die Einteilung in unterschiedliche Emotionsfamilien grundlegende Aussagen über Qualität (+/-) und Art der in einem Text mannifestierten Emotionsinformationen zulässt. Durch die Arbeit mit Properties lässt sich außerdem der Zusammenhang zwischen Emotion und Gender erfassen und visualisieren. Auf diese Weise lassen sich v. a. die folgenden zwei Fragen beantworten: Welche Emotionstypen bestimmen die Textwelt und Figuren/Sender*innen welchen Geschlechlechts bringen welche Emotionen zum Ausdruck? Ein wichtiger, aber relativ kleiner Teil des Phänomens lässt sich also beschreiben. Ich möchte literarische Emotionen aber so detailliert wie möglich beschreiben, um zu verstehen, auf welche Art und Weise sie mit der Textwelt verwoben sind; ich möchte Emotionen nicht nur im Zusammenhang mit Genderaspekten betrachten, sondern weitere Realtionen einbeziehen (bspw. in Abhängligkeit zum Handlungsverlauf einer Novelle oder zu Ereignissen). Also: Zurück zur Fachliteratur! Anhand welcher Kriterien lassen sich Emotionen – neben der strukturorientierten Einteilung in Basisemotionen – noch beschreiben und wie könnte ich die Relationen darstellen?

Mees führte 1985 im Rahmen der durchaus interessanten bzw. für eine weitere Klassifizierung hilfreichen Unterscheidung zwischen Beziehungsemotionen wie Liebe und Verachtung, Empathie-Emotionen wie Mitleid und Neid sowie Bewertungsemotionen wie Freude und Trauer, den etwas irreführenden Begriff der “Ziel-Emotionen” ein. Emotionen sind in ihrer Rolle als Form der Bewertung eines Sachverhalts, der Umwelt oder anderer Mitmenschen als angenehm oder unangenehm stets zielgerichtet, sodass sich eine entsprechende Unterscheidung als wenig hilfreich herausstellt. Für die untersuchten Briefe lässt sich dennoch festhalten, dass sich die Emotionen entweder direkt auf den Adressaten oder auf aktuelle Geschehnisse (Religion, Politik, Alltag) richten. Richten sich die Emotionen auf den Adressaten, erscheint Mees‘ Begriff der Beziehungsemotion passend, schließlich spricht eine adressatenbezogene, freundschaftliche Zuneigung aus den Briefen und eine Funktion des Briefes dürfte Beziehungspflege bzw. Vernetzung gewesen sein. Da trotz gegensätzlicher Wertigkeit sowohl Zuneigung (Basisemotion LIEBE) als auch Trauer oder Wut Formen der Bewertung darstellen, erscheint die Bezeichnung als Bewertungsemotion allerdings nicht prägnant genug. Eine Unterscheidung zwischen personen- objekt- oder handlungsbezogenen Emotionen erscheint mir passender. Hierzu passt die Grundannahme der aus der Psychologie stammenden OCC-Theorie (benannt nach den Begründern Ortony, Clore und Collins), die ebenfalls davon ausgeht, dass Emotionen per se auf Gegenstände gerichtet sind. Darauf aufbauend unterscheiden sie zwischen den drei Emotionsgegenständen Ereignis, Handlung sowie Objekt und leiten
ereignisbezogene Emotionen (Bewertung des Ereignisses als erwünscht/unerwünscht),
handlungsbezogene Emotionen (Bewertung der Handlung als lobens- oder tadelnswert, hierbei ist die Urheberschaft entscheidend, also, ob man selbst oder ein anderer die Handlung ausführt),
• und Verbundemotionen (Verbindung beider Emotionstypen zu Selbstzufriedenheit (Freude über Ereignis + Stolz über eigene Handlung, die das Ereignis herbeigeführt hat), Dankbarkeit (Freude + Lobemotion wie Bewunderung), Reue (Leid + Selbstvorwurf-Emotion wie Schuld) oder Ärger (Leid + Vorwurf-Emotion wie Empörung) ab (vgl. Reisenzein und Horstmann 2018: 437 f.).
Die sog. Einschätzungstheorie gilt als Standardtheorie der Entstehung von Emotionen in der Psychologie und funktioniert – so mein Eindruck – auch für die Klassifizierung schriftsprachlicher Emotionen in Briefen. Allerdings kann die aus der Psychologie stammende und auf Experimenten mit echten Menschen basierende Theorie natürlich nicht 1:1 auf einen völlig anderen Fachbereich übertragen werden. Zunächst gilt es herauszufinden, ob die Theorie bspw. als Tagset funktioniert und ob sich literarische Emotionen in Erzählwelten auf Grundlage einer Taxonomie beschreiben lassen, die zur Beschreibung der Realwelt entwickelt wurde. Es wäre z. B. zu überlegen, anstelle von Verbundemotionen von figuren- oder personenbezogenen Emotion zu sprechen und auf diese Weise dem stets in irgendeiner Art und Weise personenbezogenen Moment eines Briefes Ausdruck zu verleihen. Die Frage nach dem Bezugspunkt einer Emotion bringt wiederum methodische Herausforderungen mit sich. Sofern die Emotion nicht explizit thematisiert wird und eine Bezugspunkt genannt wird („Ich bin fröhlich, weil ich Geburtstag habe.“), kann der Bezugspunkt einer schriftsprachlichen Emotion außerhalb der Satzebene, der Dokumentebene (also des Briefes oder literarischen Textes), des jeweiligen kulturellen Kodes oder außerhalb meines Weltwissens liegen. Wenn ich eine den Bezugspunkt berücksichtigende digitale Emotionsanalyse durchführen möchte, hilft die OCC-Theorie dabei, auf der Dokumentebene den Bezugspunkt zu bestimmen (zu annotieren). Das gelingt, indem ich für jeden Emotions-Tag eine entsprechende Property anlege (bspw.: Tag: Wut; Property: Bezugspunkt; Values: Ereignis, Handlung, Person, Kode) und im Annotationsprozess jeder Emotion einen Bezugspunkt zuordne. Auf diese Weise lassen sich an Emotionen gekoppelte Relationen zunächst einmal erfassen und Emotionsannotationen an Bezugspunkte koppeln, die ich anschließend genauer analysieren kann. Die genderbezogene Emotionsanalyse funktioniert auf diese Weise. Je mehr Relationen ich annotiere, desto schwieriger gestaltet sich allerdings die Auswertung und vor allem die Darstellung der Annotationsdaten. Wenn ich bestimmen und vor allem darstellen möchte, auf welchen kulturellen Kode, welche Person und welches Ereignis eine bestimmte Emotion sich bezieht, wird es erst recht unübersichtlich. Hier kommt die Darstellung als Verteilungsgraph oder Diagramm für mich nicht mehr in Frage (so mein jetziger Eindruck). Abschließend gilt es festzuhalten, dass sich Emotionen vielleicht eher als dynamische Netzwerke und nicht als starre, werkimmanente Textstrukturen denken und darstellen lassen. Es handelt sich aus neurowissenschaftlicher wie aus literaturwissenschaftlicher Sicht um auf mehreren Systemebenen angesiedelte Prozesse/(Text)phänomene, die sich vielleicht eher als relationale Graphdatenbank abbilden lassen. Auf diese Weise ließe sich visuell der Erkenntnis Rechnung tragen, dass es neuronale Strukturen (Netzwerkstrukturen) sind, denen Emotionalität zugrunde liegt (vgl. Diehl-Schmid und Flüh 2012: 401 – nicht ich, die Andere 🙂 ). Gleichzeit ließen sich Relationen zwischen Emotionen und weiteren relevanten Aspekten darstellen. Es erscheint mir daher plausibel, Emotionen zunächst mittels Annotation aus Texten herauszufiltern, Realtionen mitzuannotieren und die Annotationsdaten anschließend als zentrale Knotenpunkte innerhalb eines literarischen Werks oder eines Korrespondenzsystems darzustellen. Um für die Annotation die terminologische Grundlage und den definitorischen Rahmen zu schaffen, können aus der Psychologie stammende Theorien herangezogen werden. Sie eignen sich, um ein Phänomen zu beschreiben, dem in „beiden Welten“ eine besondere Bedeutung zukommt. Die Regeln der Bedeutung sind allerdings andere, das zeigt sich u. a. in der als unzureichend empfundenen Terminologie (s. weiter oben in diesem Absatz) und in der Frststellung, dass Emotionen in literarischen Texten und auch Briefen nicht immer eindeutig auf einer positiv-negativ-Skala zu verorten sind.

Literatur

Diehl-Schmid, Janina und Charlotte Flüh (2012): “Degenerative Erkrankungen des Frontalhirns, delinquentes Verhalten und Theory of Mind.” In: Förstl, Hans (Hrsg.): Theory of Mind. Neurobiologie und Psychologie sozialen Verhaltens. Heidelberg: Springer, 395–402.

Joost, Ulrich (2013): “ “Chatoullen …, welche den vertrauten Briefwechsel enthielten.” Die Erschließung großer Briefkorpora der Goethezeit. Probleme, Aufgaben und Möglichkeiten. In: Anne Bohnenkamp und Elke Richter (Hrsg.): Brief-Editionen im digitalen Zeitalter. Berlin/Boston: De Gruyter, 114–129.

Matthews-Schlinzig, Marie Isabel, Jörg Schuster, Gesa Steinbrink und Jochen Strobel (2020): “Vorwort”. In: dies. (Hrsg.): Handbuch Brief. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Band 1: Interdisziplinarität – Systematische Perspektiven – Briefgenres. Berlin/Boston: De Gruyter, XI–XIV.

Marlen Bidwell-Steiner (2020): “Gender Studies”. In: Marie Isabel Matthews-Schlinzig, Jörg Schuster, Gesa Steinbrink und Jochen Strobel (Hrsg.): Handbuch Brief. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Band 1: Interdisziplinarität – Systematische Perspektiven – Briefgenres. Berlin/Boston: De Gruyter, 141–159.

Mees, Ulrich (1985): “Was meinen wir, wenn wir von Gefühlen reden? Zur psychologischen Textur von Emotionswörtern.” In: Sprache und Kognition 1985 (4), 1–20.

Ortony, Andrew, Gerald L. Clore und Allan Collins (1988): The cognitive structure of emotions. New York: Cambridge University Press.

Reisenzein, Rainer und Gernot Horstmann (2018): “Emotionen”. In: Andrea Kiesel und Hans Spada: Lehrbuch Allgemeine Psychologie. 4. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. hogrefe: Bern, 423–493.

Schmitt, Albert R. (1966): “Wielands Urteil über die Brüder Schlegel. Mit ungedruckten Briefen des Dichters an Carl August Böttiger.” In: The Journal of English and Germanic Philology Vol. 65, No. 4 (Oct., 1966), 637–661.

Schwarz-Friesel, Monika (2007): Sprache und Emotionen. Tübingen/Basel: A. Francke.

Statista (2020): Anzahl der lizenzpflichtigen Briefsendungen durch Postdienstleister in Deutschland in den Jahren 1998 bis 2019. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/6916/umfrage/briefsendungen-durch-postdienstleister-in-deutschland/ [Zugriff: 14. Oktober 2020].

Strobel, Jochen (2012): “Digitale Briefe. Eine Reflexion zu den Digital Humanities”. In: BIS – Das Magazin der Bibliothekn in Sachsen. 2012/3, 160–163.

Winko, Simone (2003): Kodierte Gefühle. Zu einer Poetik der Emotionen in lyrischen Texten und poetologischen Texten um 1900. Berlin: Erich Schmidt.

Quellen

August Wilhelm Schlegel: Digitale Edition der Korrespondenz [Version-10-20];https://august-wilhelm-schlegel.de/version-10-20/letters/view/496. (02.07.1791 A.W. Schlegel an Gottfried August Bürger)

August Wilhelm Schlegel: Digitale Edition der Korrespondenz [Version-10-20];https://august-wilhelm-schlegel.de/version-10-20/briefid/400. (02.07.1791 A.W. Schlegel an Christian Gottlob Heyne)

Digitale Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels: https://august-wilhelm-schlegel.de/briefedigital/


  1. ​*​
    Laut Statista (2020) verschicken die Menschen in Deutschland übrigens immer weniger Briefe. Seit dem Jahr 2012 nimmt die Anzahl der lizenzpflichtigen Briefsendungen durch Postdienstleister in Deutschland ab und betrug 2019 noch 14,2 Milliarden.
  2. ​†​
    Die biographische Lesart privater Korrespondenzen sollte natürlich nicht zur mimetischen Überblendung des Werkes führen. Briefe sind ein Teil des Gesamtwerks, sie können literarische Momente enthalten, sind aber dennoch von literarischen Texten abzugrenzen. Für die Emotionsanalyse literarischer Texte gilt: Die Rekonstruktion einer Emotion aus dem Werk sagt wenig über die tatsächliche emotionale Reaktionsweise aus. Die Emotion bezieht sich allein auf die Textwelt, nicht auf die historisch reale Welt. Um valide Aussagen über historisch reale Emotionskonzepte machen zu können, muss überprüft werden, ob fiktional rekonstruierte emotionale Schemata auch über den Einzeltext hinaus Gültigkeit haben. Hierfür können textintern Informationen ausgewertet und nicht-literarische (philosophische anthropologische oder moralische) Texte herangezogen werden (vgl. Winko: 113). Ich gehe davon aus, dass sich der Brief durch seine Doppelfunktion – historisch-bibliographisches Dokument und literarische Gattung (vgl. Matthew-Schlinzig et al. 2020: XI) – in besonderer Weise für einen solchen Abgleich eignet.

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